Steilküsten in Mecklenburg-Vorpommern

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Steilküste

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1. Naturräumliche Verhältnisse an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns

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Verteilung von Flach- und Steilküsten

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Die heutige Küste Mecklenburg-Vorpommerns weist drei große morphologische Küstenabschnitte auf:

  • Großbuchtenküste Holstein-Westmecklenburg (anteiliger Abschnitt Priwall bis Nordoststrand der Wismar-Bucht)
  • Ausgleichsküste Mecklenburg (Bugspitze bis an die Rostocker Heide)
  • Boddenausgleichsküste Vorpommern (Rostocker Heide bis einschließlich Insel Usedom/Oderbucht)

An der südwestlichen Ostseeküste setzte die Küstenbildung mit der Überflutung der tiefer gelegenen Grundmoränenlandschaften bzw. Talungen oder dem beginnenden Uferabtrag durch das Litorina-Meer vor etwa 8.000 Jahren ein. Erst nach dem Abklingen des starken Meeresspiegelanstiegs vor etwa 6.000 Jahren begann eine bis in die Gegenwart andauernde Phase mit geringen Meeresspiegelschwankungen und damit verstärkten Prozessen des Küstenausgleichs.

Die Küstenbildung bzw. -umbildung wird entscheidend durch das bereits bestehende Geländerelief und die Wind- bzw. die sich hieraus ergebenden Wellen- und Strömungsverhältnisse bestimmt.

Die vorhandenen Steilküsten-, Flachküsten- und Boddenküstenbereiche unseres Bundeslandes stehen grundsätzlich in einem engen geomorphologischen Verhältnis.

Mit unterschiedlicher Zielstellung werden natürliche Küstenausgleichsprozesse an vielen Küstenstrecken durch Maßnahmen des Küsten- und Hochwasserschutzes (z.B. Buhnenbau, Bau von Schutzmauern, Strandaufspülungen, Deichbau) beeinflusst bzw. verzögert. Dies betrifft vorrangig die küstendynamisch stark beanspruchte Außenküste.

Gerade die in letzter Zeit aufgetretenen, zum Teil dramatischen Veränderungen an den Steilküsten des Landes, insbesondere die Abbrüche auf Rügen, traten und treten in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Der Ruf nach einem wirksamen Küstenschutz im Steilküstenbereich ist verständlich, doch lassen diese einseitigen Forderungen das enge Verhältnis zwischen den drei Küstenarten außer Acht. Deshalb ist es notwendig, über einen Küstenschutz aufzuklären, der die gesamte Küste des Landes einbezieht.

2. Aufbau der Steilküste

Die Steilküsten haben eine besondere Bedeutung als Gerüstelemente der Ausgleichsküste, da sie praktisch als „Aufhänger“ für benachbarte Flachküstenabschnitte dienen. An der südwestlichen Ostseeküste können in grober Beschreibung drei Steilküstentypen mit zahlreichen Untertypen wie folgt beschrieben werden:

Steilküsten aus Sand

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Langer Berg / Usedom

Langer Berg / Usedom

Langer Berg / Usedom

Dieser Typ ist durch eine relative Homogenität von oft äußerst gut sortierten Sanden charakterisiert. Der Abrasionswiderstand ist sehr gering und die Rückgangsgeschwindigkeiten sind entsprechend hoch. Bergstürze, Schollengleitungen und ähnliche katastrophenartige plötzliche Ereignisse finden dagegen nicht statt. Es dominieren Hangrutschungen infolge abrasiver Unterschneidung des Hanges, was zumeist zu einer natürlichen Böschungsneigung mit unkritischer Hangneigung führt. Die Anfälligkeit gegenüber Windangriff (Deflation) ist hoch und die Entstehung von Kliffranddünen ist möglich. Genetisch handelt es sich entweder um interglaziale Sande in Stauchmoränenkomplexen (z.B. Usedom-Streckelsberg, Langer Berg; SE-Rügen – Sellin, Groß Zicker; Fischland) oder um spätglaziale söhlig lagernde Staubeckensande (Lubminer Heide, Rostocker Heide).

Steilküsten aus ungestörtem Geschiebemergel

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Steilküste Nienhagen

Steilküste Nienhagen

Steilküste Nienhagen

Dieser Steilküstentyp ist durch eine relative Homogenität des untergeschichteten Geschiebemergels der Grundmoräne und eine meist nur geringe Höhe von rund drei bis zehn Metern gekennzeichnet. Der Abrasionswiderstand dieses Typs ist hoch und dementsprechend sind die Rückgangsbeträge deutlich niedriger als bei dem ersten Typ. Der Rückgang vollzieht sich jedoch auch hier relativ gleichmäßig ohne katastrophale Ereignisse.

Abrasive Unterschneidung mit Bildung von Brandungshohlkehlen und Brandungshöhlen sowie Frontsprengungen führen zu einem stetigen Rückgang bei sehr steilen Hangneigungen mit hoher Böschungsstabilität.
Zu diesem Typ gehören z.B. größere Kliffstrecken insbesondere im westlichen Teil unseres Landes an der Lübecker Bucht und auf der Insel Poel, im Küstenabschnitt Rerik-Kühlungsborn-Heiligendamm-Nienhagen, auf dem Fischland sowie auf der Halbinsel Wittow auf Rügen.

Steilküsten mit stark gestörter Lagerung

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Langer Berg / Usedom

Langer Berg / Usedom

Langer Berg / Usedom

Dieser Typ tritt besonders im Bereich von Endmoränen mit stark wechselnden Sedimenten sowie mit gestauchten bzw. Schuppenstrukturen speziell an der vorpommerschen Boddenausgleichsküste auf. Steilküsten dieses Typs erreichen an der Küste des Landes die größten Höhen. Beispiele hierfür sind der Dornbusch auf der Insel Hiddensee (bis 72 Meter NN), die Kreideküste Jasmunds (bis 117 Meter NN) sowie die Steilküstenstrecken der Granitz (bis 72 Meter NN) und Usedoms (bis 54 Meter NN).

An den Hängen treten vielfältige Abbruch- auch Abrutsch-, Abgleit- oder Ausfließprozesse auf (z.B. Meschendorf).
Sobald bei diesem Typ die Grenzflächen der heterogenen Sedimente (Wasserstauer wie Mergel, Ton, Kreide und Wasserleiter wie Sande und Schluffe) seewärts einfallen, kommt es zu größeren gravitativen Hanggleitungen, die sich in katastrophenartigen plötzlichen Ereignissen vollziehen können. Dabei kommt es dann zu den spektakulären Hangrutschungen, bei denen bis zu 100.000 m3 Sediment auf einmal bewegt werden. Beispiele hierfür gibt es an der Westflanke des Dornbuschs auf Hiddensee sowie auf Jasmund (Sassnitz, Lohme).

3. Die Steilküste als Gerüstelement und Sedimentlieferant

Beispielhafte Steilküstenrückgänge bei Einzelereignissen Details anzeigen

Beispielhafte Steilküstenrückgänge bei Einzelereignissen

Beispielhafte Steilküstenrückgänge bei Einzelereignissen

Beispielhafte Steilküstenrückgänge bei Einzelereignissen

Die Außenküste des Landes unterliegt einem immerwährenden dynamischen Prozess, der in Zeit und Raum variiert. Es ist ein Wechsel von Abtrag (Abrasion) und Anlandung (Akkumulation), der diesen Prozess bestimmt. Etwa 70 Prozent der Küste befinden sich dabei im Rückgang, bei einem Mittelwert von 34 Metern in 100 Jahren. Nun lassen sich aus diesem Mittelwert jedoch keine beruhigenden Prognosen ableiten, denn er unterliegt extremen Schwankungen, wie die Küstenabbrüche zum Beispiel auf Rügen im Frühjahr 2005 bewiesen haben. Es besteht also für alle, Einwohner und Besucher, eine Notwendigkeit, sich an den Extremereignissen zu orientieren. Ein häufiger Wechsel von Steil- und Flachküsten prägt die Küste des Landes, der durchschnittlich in einem Abstand von sieben Kilometern erfolgt. Die Übergänge zwischen den einzelnen Küstentypen sind besonders gefährdete Nahtstellen und oft potentielle Durchbruchstellen. Die Sedimentschüttung ist das entscheidende Merkmal der Steilküstenstrecken, also die Abrasion besonders an den hohen Stauchmoränen von Ostrügen und Usedom und die gleichzeitige Akkumulation beispielsweise im Bereich des Peenemünder Hakens und der Swinepforte. Seit der Litorinazeit erfuhren jene Abschnitte der Küste einen größeren Flächenzuwachs als die Inselkerne (Rügen und Usedom) Flächenverlust.

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Riedensee / Kühlungsborn

Riedensee / Kühlungsborn

Riedensee / Kühlungsborn

Das gesamte Abtrags- bzw. Akkumulationsvolumen kann sehr grob mit einer Größenordnung von mehreren Hundert Millionen Kubikmeter Sedimentmaterial angegeben werden. Das zeigt sich am Beispiel der Insel Usedom, wo seit der schwedischen Landesaufnahme im Jahr 1693 ca. 40 Millionen Kubikmeter Sedimentmaterial von den eiszeitlichen Inselkernen abgetragen und im Bereich des Peenemünder Hakens bzw. der Swinepforte ca. 25 Millionen Kubikmeter Material, also etwa 60 Prozent, angelagert worden sind.

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Ahrenshoop / Fischland

Ahrenshoop / Fischland

Ahrenshoop / Fischland

Der Flächenzuwachs durch die Bildung von Flachküsten übertrifft dabei deutlich den Flächenabtrag der Steilküsten.

So stellt sich z.B. auf Hiddensee folgende Situation dar: In den letzten 2.500 Jahren verlor der Inselkern des Dornbusch eine Fläche von 5 km², woraus ca. 15 km² Flachküste entstanden (Gellen, Bessin).

Unter diesem Gesichtspunkt ist jede unnatürliche Festlegung von Steilküsten problematisch. Sie erfordert in der Regel künstliche Sandaufspülungen in den benachbarten Flachküstenabschnitten, um die ausfallende Sedimentschüttung zu kompensieren. Für den Laien ist die Summe aller Folgen eines punktuellen Eingriffs in das sedimentdynamische Gleichgewicht kaum zu überblicken, deshalb ist der punktuelle Küstenschutz als Privatinitiative ausgeschlossen. Die verantwortlichen Küstenschützer müssen bei einem solchen Vorgehen immer die Gesamtlage im Auge behalten. Trotz des dargelegten Grundsatzes kann ein Eingriff, die Bewahrung von Steilküstenvorsprüngen notwendig sein, um benachbarte Flachküsten zu schützen, wenn etwa diese Steilküsten die Funktion eines, "Aufhängers" für anschließende Flachküsten haben (Ahrenshoop, Dranske, Sellin). Steilküsten haben also im Gesamtprozess eine Doppelfunktion als: a)"Aufhänger",Gerüstelemente der Küste, b) Sedimentlieferanten der benachbarten Flachküste.

4. Der Küstenschutz

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Streckelsberg / Koserow

Streckelsberg / Koserow

Streckelsberg / Koserow


Aus der Dynamik der hydrologischen und meteorologischen Prozesse, die an den Küsten des Landes wirken – der ständigen Abrasion und Akkumulation – ergibt sich für den Schutz der Steilküsten folgende Maßgabe: Die unbebaute Steilküste unterliegt grundsätzlich keinem besonderen Schutz.
Sie darf in ihrer Bedeutung als Sedimentlieferant für die benachbarte Flachküste nicht behindert werden. Eingriffe bedeuten zwar punktuellen Schutz, der jedoch an anderer Stelle negativ ins Gewicht fällt, da der Sedimenttransport, auch Küstenlängstransport, unterbrochen wird.

Einschränkungen dieses Grundsatzes:

  • Der aktive Schutz geschlossener Ortschaften in Küstennähe
  • Verhinderung von Durchbrüchen in Boddenlandschaften

Beispiele:

Sassnitz

Das Gebiet um Sassnitz wurde nach und nach vom Hinterland bis zum Steiluferbereich besiedelt. Den seewärtigen Schutz des Ortes bilden die Ufermauern mit den Steinpackungen, die Mole sowie die östlich vor Sassnitz liegenden Wellenbrecher. Nur durch den Erhalt dieser Küstenschutzbauwerke können Abbrüche im bebauten Steiluferbereich vermieden werden.

Koserow/Streckelsberg

Der Streckelsberg mit seinen Küstenschutzanlagen fungiert als Aufhänger für die Gestaltung der Ostsee-Uferlinie und des Hochwasserschutzsystems in diesem Großraum. Obgleich der Küstenrückgang im Bereich der Mauer von 1890 gestoppt werden konnte, gingen mit den Maßnahmen negative Begleiterscheinungen einher: Durch das Wegfallen der natürlichen Materialquelle wich der angrenzende Küstenabschnitt zurück. Nur ein komplexes System von Küstenschutzmaßnahmen vermochte den weiteren Küstenrückgang zu minimieren. Der Küste vorgelagerte Wellenbrecher schwächen den anlaufenden Seegang und halten den künstlich aufgespülten Sand fest.

Die Beispiele zeigen, im Spannungsfeld zwischen natürlicher Dynamik und den auf Fixierung der Küstenlinie gerichteten Interessen des Menschen ist der Küstenschutz angesiedelt. Seine Aufgabe kann es daher nur sein, in Kenntnis und Anerkennung der natürlichen Küstenentwicklung diese so wenig und so naturnah wie möglich zu beeinflussen; jedoch so, dass vitale menschliche Nutzungsinteressen gewahrt bleiben. In dieses Gesamtkonzept ist der Schutz der Steilküsten des Landes Mecklenburg-Vorpommern eingebettet, unter besonderer Berücksichtigung ihrer Bedeutung für die benachbarte Flachküste. Deshalb muss klar eingeschätzt werden, dass es auch an unserer Küste Bereiche gibt, deren gegenwärtige Nutzung selbst bei massiven Anstrengungen langfristig nicht zu sichern ist. Für die Nutzung dieser Gebiete Entwicklungskonzepte zu erarbeiten, wird zukünftig zu einer wichtigen Aufgabe werden.

5. Das Verhalten an Steilküsten

Die Art ihrer Anlage macht die Steilküsten zu einem beliebten Ausflugsziel für Besucher aus nah und fern. Sie sind zu einem typischen Markenzeichen unseres Landes geworden. Folgende Verhaltensregeln gelten:

Absperrungen und Leiteinrichtungen sind zu respektieren, Hinweisschilder zu beachten. Wo keine Absperrungen sind, nicht an die Kliffoberkante herantreten.

Im Winter und Frühjahr sollte das Wandern am Fuß von Steilufern unterlassen werden, da unter bestimmten Umständen Abbrüche auch größeren Umfangs möglich sind, wie etwa das Herausfallen von Findlingen oder das Abgleiten ganzer Schollen. Auch besteht besonders in dieser Jahreszeit die Gefahr des Versinkens in aufgeweichtem, fließendem Geschiebemergel.

Neben der touristischen Nutzung unserer Steilküsten, gab und gibt es immer den Wunsch auch in unmittelbarer Nähe der Küste zu siedeln. Die Vorgaben sowohl für das private als auch für das öffentliche Bauen in diesem Bereich gibt das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt (StALU) Mittleres Mecklenburg Dienststelle Rostock. Als grundlegender Leitfaden dient hierbei vor allem der „Generalplan Küsten- und Hochwasserschutz Mecklenburg-Vorpommern“.
Für alle darüber hinausgehenden Fragen stehen die Mitarbeiter der StÄLU in Rostock, Schwerin, Stralsund und Ueckermünde gerne bereit.

Kleine Begriffskunde

BegriffErklärung
Abrasion -flächiger Materialabtrag infolge von Brandungseinwirkung.
Geomorphologie -Wissenschaft von den Formen der Erdoberfläche und deren Veränderungen.
Hydrologie -Wissenschaft vom Wasser, seinen Arten, Eigenschaften und seinen Erscheinungsformen.
Inselkern -aus älteren Sedimenten bestehende Vollformen, aus denen sich die Flachküsten bilden.
Kliff-durch Abrasion geschaffener Steilhang.
Litorinazeit -Zeitraum zwischen 5.500 und 2.000 v. Chr.
Mergel -aus Ton und Kalk bestehendes Sedimentgestein.
Meteorologie -Wetterkunde, Wissenschaft von der Erdatmosphäre und dem sich in ihr abspielenden Wettergeschehen.
Moräne -von einem Gletscher bewegte und abgelagerte Masse von Gestein und Geröll.
Sediment-durch Sedimentation entstandenes Schicht- oder Absatzgestein.
Sedimentation -Ablagerung von Stoffen, die an anderen Stellen abgetragen wurden.